Gebt’s auf!

Wenn’s schon so weit ist, dass ausgerechnet Spiegel Online „zehn Persönlichkeiten“ finden muss, die der Piratenpartei altkluge Ratschläge geben, wie sie ihren Untergang verhindern können, dann jetzt von mir drei Gründe, warum sie sich auflösen sollten:

1. Die Partei nimmt sich viel zu wichtig

In Deutschland gibt es neben den Piraten auch noch ne Menge anderer Parteien, die irgendwelche coolen Anti-Establishment-Forderungen erheben. Nur tun das die „Anarchistische Pogo-Partei“, „die PARTEI“ und die anderen mit hinreichend viel Selbstironie. Die Piraten versuchen immer, möglichst staatstragend und volksparteilich rüberzukommen – das wirkt meistens ziemlich lächerlich. Wenn sich Julia Schramm – in ihrem Buch zitiert mit „Frauen, die an inneren Blutungen sterben, weil sie Sex mit einem Pferd haben wollten“, sein für sie eine „weniger schockierende Nachricht, als es sein sollte“ – an vorderster Front über Joko Winterscheidts „Busengrapscher“ beklagt, wirkt das auf mich albern. Julia Schramm ist übrigens auch die Piratin, die so vehemment gegen das Urheberrecht kämpft, dass sie alle Kopien ihres Buchs aus dem bösen Internet entfernen ließ. Anspruch und Wirklichkeit liegen halt oft genug weit auseinander, wenn der Anspruch zu hoch und die Wirklichkeit zu hart ist.

2. In der Partei tummeln sich zu viele merkwürdige Gestalten

Mal von der Doppelmoral, die bei Julia Schramm und anderen Piraten, wann immer sie öffentlich reden, zum Ausdruck kommt, häufen sich in letzter Zeit die Skandale rund um Piraten. Und dabei geht es nicht nur um innere Zerfleischungprozesse.

Ein wichtiger Kommunikationskanal der Piraten ist das piratenpad (eine Etherpad-Instanz). Da sollte es schon verwundern, wenn die biedere Möchtegern-Volkspartei nicht in der Lage ist, zu verhindern, dass auf dem System massenweise Links und Kommentare zu kinderpornografischen Seiten verteilt werden. Wer macht so etwas? Laufen bei den Piraten Pädophile herum, und die Partei tut nichts dagegen?

Die CDU ist „gefährlicher für die Demokratie als die Nazis“? Findet zumindest ein Kreisvorsitzender der Partei in Niedersachsen. Matthias Bahner, ehemaliger Spitzenkandidat der Piraten in Mecklenburg-Vorpommern, war zuvor in der NPD aktiv. Und Bodo Thiesen, der 2008 geschrieben hatte: „Nun, bis vor einigen Monaten glaubte ich auch, daß diejenigen, die ‚Auschwitz leugnen‘ einfach nur pubertäre Spinner sind. Damals hatte ich aber auch noch nicht Germar Rudolf gelesen. Sorry, aber das Buch prägt einfach – zumindest wenn man objektiv ran geht“ und den Standpunkt vertritt, Deutschland hätte 1939 „jede Legitimation“ für den Überfall auf Polen gehabt – dieser Bodo Thisen wurde eben nicht aus der Partei geworfen. Am 17. 04. 2012 entschied die Partei, das Ausschlussverfahren einzustellen. Ein merkwürdiger Haufen mit bedenklichen Mitgliedern, wer will die schon im Parlament haben?

3. Sie wissen nicht, was sie tun

Warum sollte man Pirat werden? Weil man sich „so fühlt“? Am pointierten Programm und den klugen Köpfen (ausgewechselt im Monatsrhythmus) wird es jedenfalls nicht liegen. Und wer versucht, auf der Internetseite der Piratenpartei eine Antwort zu finden, wird daran auch scheitern. Die Argumentation der Piraten geht meistens so: Nur wir wissen, wie man richtig Politik macht, nur wir sind echte Demokraten also sind wir auch berufen, in Zukunft Politik zu machen. Wenn man nett ist, nennt man das weltfremd. Wenn man böse ist, faschistoid.

Aber auch die Piraten selbst scheinen nicht zu wissen, warum und wofür sie diese Partei betreiben. Klar, inzwischen haben sie ein Wahlprogramm von anderen Parteien zusammenkopiert und sind in ein paar Talkrunden aufgetreten, aber einen roten Faden, eine verbindende Menge an Werten und Vorstellungen kann man da nicht erkennen. Wer sich das noch einmal vor Augen halten möchte, dem sei ein Video des ORF über die Gründung der Südtiroler Piratenpartei empfohlen:

Ein Gedanke zu “Gebt’s auf!

  1. Zu dem Film: Arno Parmeggiani, der Jugendvertreter der Südtiroler Volkspartei, hat das auf den Punkt gebracht: „Es ist vielleicht nicht ideal, die Gründung der Piraten in Südtirol nur durch dieses Video zu analysieren. Aber da ich sonst noch nichts anderes Ernsthaftes gehört habe, fällt mir im Moment eigentlich nur eines zur Südtiroler Piraterie ein: WTF?!“
    Dem ist nichts hinzuzufügen…

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