Ein Hoch auf die Gerächtigkeit

Wenn ein Schiff untergeht, so will es die Seemannsehre, werden Frauen und Kinder zuerst in die Rettungsboote gelassen. Das ist den Männern gegenüber nicht gerecht, aber höflich. Gerecht wäre es hingegen, die Rettungsbootplätze zuzulosen, ein Verfahren, bei dem alle Beteiligten die exakt gleichen Chancen haben. Warum das noch nie praktiziert wurde? Weil es in einer Gesellschaft – und sei sie noch so gleich und gerecht – immer ein Bedeutungsgefälle zwischen verschiedenen Personengruppen gibt, das sich bei problematischen Entscheidungen zeigt und den vagen Begriff der „Gerechtigkeit“ je nach Kontext neu einordnet.


Das Oberlandesgericht München hat mit seiner Entscheidung, die Presseplätze beim NSU-Prozess per Losverfahren zu vergeben, so unglaublich gerecht verfahren, dass man versucht ist, ein lautes „typisch deutsch!“ zu stöhnen. Dass es dabei Frauen (Brigitte) und Kindern (TOP fm) den Vortritt gelassen hat, mag rühren, eine gesellschaftlich verantwortliche Lösung ist es nicht. Man mag einwenden, dass auch für die genannten (und andere) Medienanstalten qualifizierte Journalisten arbeiten, aber niemand wird ernstlich behaupten können, hallo-muenchen.de, Straubinger Tagblatt und Lübecker Nachrichten hätten für die (dringend notwendige) innenpolitische Debatte dieselbe Bedeutung wie die FAZ, die Welt, die ZEIT, die FR oder die taz. Natürlich ist es für ein Gericht schwierig festzustellen, welche Medien eine hinreichende gesellschaftliche Relevanz haben, damit sie von einem solchen Prozess direkt berichten dürfen – wer diese Entscheidung aber auf den Zufall abwälzt, kommt seiner Verantwortung für das Gelingen des Prozess und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Diskussion nicht nach.
Bei einem Schiffsunglück ist es die heroische Aufgabe des Kapitäns, sicherzustellen, dass die Rettungsmaßnahmen für das Leben der Passagiere und Mannschaft bis zum Ende so gut wie möglich getroffen werden und das alles getan wird, um sie zu retten. Es wäre zu wünschen gewesen, Manfred Götzl hätte den Mut gehabt, nach dem verunglückten Auftakt mit einem gelungen Manöver des letzten Augenblicks eine solche Schmach von unserem Rechtsstaat abzuwenden.

Ein Gedanke zu “Ein Hoch auf die Gerächtigkeit

  1. Nun hat aber in unserem Rechtsstaat der, den Gremliza „Das Ekel von Bellevue“ nennt, erst gar nicht nachgefragt, ob man da nicht die Olympiahalle für den Prozess nehmen kann. Er schwieg, laberte aber fett in Italien rum, von Verantwortung, die halt nichts kosten darf usw…
    Wg. Prozessordnung und andere Hürden, die ein Jura- Talent / Richter eben nicht solo umschiffen kann, um mal den Vergleich mit Capitano Scettino reinzusemmeln, sitzt man eben nun da zu Gericht wo die Welt (global) leider nicht rein kann, aber die Welt (Zeitungsversuch, Springer) eben glücklicherweise draußen bleibt. Gleicht sich alles aus.

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