O2dyssee

Liebe Leserinnen und Leser, es tut mir Leid. Aber ich erlitt unlängst ein schweres Trauma und mein Psychologe empfahl mir eine Schreibtherapie. Vielleicht werde ich’s ja so los…

o2 Shop in Ulm

Die Tür stand offen, wie es sich für einen kundefreundlchen Verkausraum gehört, und so konnte ich ungehindert in den O2-Shop eintreten. Ich war frohen Mutes: Hier, in der Kathedrale der technischen Hilfeleistung würde man sich meiner Probleme gewiss schnell annehmen und so meiner Mutter – die mich gesandt hatte – verhelfen, mittels ihre unlängst erworbenen »Smartphones« die Vorzüge von TCP/IP auch mittels eines rundum mobiles Devices an praktisch jedem Ort im Lande zu genießen, nur noch gehindert durch Mängel in der Netzabdeckung, keinesfalls aber, und das war gerade die Absicht hinter meinem Besuch bei diesem Hochamt der Technologie, durch fiese »Ihr Netzzugang ist nicht konfiguriert, richten Sie ihre mobile Datenverbindung ein!« Warnmeldungen des Betriebssystems, das der koreanische Hersteller ihres Vertrauens auf dem High-Tech-Klötzchen mit Verzweiflungspotential vorinstalliert hatte. Ich betrat also den Sakralbau des High-Tech-Supports, höflich flankiert von einem gedämpften »Ding-Dong«. Das war der Bewegungsmelder an der Tür.

Es dauerte nur wenige Augenblicke, bis der Hohepriester der Telephonfragen sich von seinem Smartphone abwandte und mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil werden lies: »Was kann ich tun?«. Ich beschränkte mich darauf, diese hochphilosophische Frage (Kant habe ich nie verstanden, aber ich schätze, er hat dazu etwas geschrieben) mit einer knappen Beschreibung meines Problems zu kontern: »Meine Mutter besitzt dieses Smartphone, den Vertrag dazu hat sie von O2. Aber leider kann sie sich nicht ins mobile Internet einwählen. Ich habe keine Ahnung, warum, aber vielleicht können Sie da ja helfen«. Der Android-Adept schaute mich mit dieser typischen Freundlichkeit an, die ein guter Teil des Verkaufspersonals zu einer eigenen Kunstform erhoben zu haben scheint und die dem Fragesteller, ihn zum wehleidigen Bittsteller degradierend, unmittelbar klarmacht, dass er nicht willkommen ist, der Schauende an diesem Umstand bestenfalls zum Teil Schuld hat und überhaupt ja bestimmt noch andere Kunden die Hilfe des potentiell Helfenden dringender benötigen. Ich schaute mich um, konnte in dem Geschäft aber niemand hilfsbedürftigeren finden und lächelte dem Zwangs-Zuvorkommenden aufmunternd zu. Dieser begab sich nahezu postwendend an sein Computer-Terminal und frug nach der betreffenden Telephonnummer, dem Geburtstag der betreffenden Person sowie dem betreffenden Geburtsdatum. Ich antwortete, offenbar in angemessenem Umfang und mit ausreichender Akkuratesse und machte mir Hoffnung, dass man mir nun hülfe. Dem Antworten-Asket war aber noch eine Frage eingefallen: »Wie lautet denn ihre Kunden-PIN?!« fragte er verschmitzt. Touché; Davon hatte ich keine Ahnung. Hatte Dr. No aber darauf gehofft, mich mit dieser Frage abwimmeln zu können, hatte er meine Vorbereitung unterschätzt: Wortgewaltig entnahm ich meinem Rucksack den nicht schmächtigen Packen Papier, der das Vertragswerk zwischen meiner Mutter und der O2 Deutschland OHG bildete und verbreitete ihn auf dem Tresen.

android

Bald war die Kunden-PIN gefunden und der Service-Sklave strahlte mich an: »Sie haben gar kein Internet gebucht!« entfuhr es ihm. »In ihrem Vertrag gibt es kein Datenvolumen, da müssten Sie schon eine Internet-Flatrate buchen. Das kostet aber nur zehn Euro im Monat. Soll ich?« Und beschwingt kreisten seine Hände über der »Enter«-Taste. Mir, der ich immer dann spontan Migräne kriege, wenn ein auch nur entfernter Angehöriger der Telefónica S.A. das Wort »Flatrate« in den Mund nimmt, wurde ein wenig unbehaglich. Sicher, meine Mutter hatte mir erst Stunden zuvor wortreich und detailliert berichtet, dass sie den in Frage stehenden Vertrag ja deswegen abgeschlossen habe, weil hier – ihrem erwarteten geringen Bedürfnis nach mobiler Datennutzung entsprechend – eben keine Flatrate enthalten sei, sondern, so hatte ihr ihrer Darstellung nach der Verkäufer gesprochen, für jeden Tag, den sie mobiles Internet nutze, eine Pauschale von einem Euro abgerechnet würde, ein Vertrag ganz nach ihrem Geschmack. Aber hatte ich nicht selbst das nun vor mir ausgebreitete Produkt unzähliger Juristen-Überstunden durchgesehen? Und war nicht auch mir, dem mit juristischem Sachverstand eher spärlich möblierten Leser, dabei kein Punkt ins Auge gesprungen, in dem die versprochenen Leistungen bezüglich der zu erwartenden Datennutzung präzise beschrieben worden waren? Und war ich vielleicht zu naiv, wenn ich glaubte, das bloße Versprechen, der Nutzer könnte sein hunderte Euro teures Device nutzen, um damit ins Internet zu gehen, reiche aus, damit auch nur ein Bit seinen Weg durch das komplexe Netzwerk, welches heute das Rückgrat unserer Gesellschaft bildet, finde?

Nachdenklich geworden, und fast reumütig, wandte ich mich an den Kompetenz-Knecht und begehrte zu wissen, wie denn die Details des in Frage stehenden Vertrags aussähen. Ich erhielt die erschreckend ehrliche und erschreckend erschreckende Antwort »das kann ich Ihnen auch nicht sagen«. Meine Augen wanderten zu dem Briefkopf des vor mir liegenden Vertrags, registrierten das Logo, welches kräftig blau darauf prangte, wanderten zur Wand hinter meinem Byte-Berater und glichen das dortige Logo mit dem eben Gesehenen ab, erkannten eine deutliche Übereinstimmung, und kamen dann auf meinem Gegenüber zu ruhen. Dieser, immer noch die Flatrate in den Ohren rauschen hörend, nun eilfertiger geworden, eröffnete mir: »Sie sollten wirklich eine Flatrate abschließen – so ist das mit dem Internet ja viel zu teuer!« Das irritierte mich, denn offenbar war in der Zwischenzeit das Internet näher an das mobile Endgerät, das nach wie vor unschuldig auf dem Tisch zwischen uns ausharrte, gerückt und nun, zumindest für teures Geld, nahbar geworden. Ich fragte mich – laut – was denn »viel zu teuer« sei, und was denn nun die mobile Internetnutzung an Kosten nach sich zu ziehen gedenke.

Der Salamitaktik-Spezialist starrte daraufhin zunächst konzentriert auf seinen Monitor auf dem, das konnte ich auch von der Seite gut erkennen, die gewünschte Information nicht zu erhalten war. Davon lies sich der Eifrige aber nicht abbringen. Verdutzt bemerkte ich, wie er den Namen des Vertrags der Zwischenablage seines Ordinateurs überantwortete, nur, um ihn im nächsten Augenblick an den großen Google zu überreichen. Dieser, wie das so seine Art ist, antwortete in Bruchteilen von Sekunden mit einer Liste weniger seriöser und vollkommen unseriöser Webseiten, die der Leistungsversprechungs-Literat in Windeseile durchklickte, nicht, ohne sich dabei abfällig über die Qualität der hier dargebotenen Internetangebote zu äußern. Bald erhob er sich, um mir mitzuteilen: Die Nutzung des Internets koste neun Cent. Ich wog diese Aussage zwischen meinen Ohren und kam zu dem Schluss, dass diese Information, obschon interessant, so doch nicht vollständig sein konnte: Ein Preis, so erinnerte ich mich dumpf an längst vergangene BWL-Vorlesungen, setzt sich immer aus einem Geldbetrag und einer Einheit zusammen, die für diesen Geldbetrag gehandelt wird. Der Betrag war nun genannt, aber ob der Einheit herrschte – zumindest bei mir – noch Unkenntnis: Neun Cent pro Tag klang verlockend, neun Cent pro Kilobyte eher abschreckend. Ich überbrachte das Erdachte an die Öffentlichkeit und erfuhr, dass die neun Cent (wiewohl das nicht auf dem Internetseite zu lesen war) pro Minute verstanden werden müssten. Woher der Flatrate-Fanatiker diese Weisheit genommen hatte, entzog sich meiner Beobachtung. Da neun Cent pro Minute als Preis aber ohnehin selbst dem höflichsten Kunden keine Beschreibung gestattet hätte, die er nicht als Beleidigung hätte ausgelegt bekommen können, blieb ich still und lies mich über die Vorzüge einer Flatrate für zehn Euro im Monat aufklären. Ich entschied, das Problem zu vertagen und mit meiner Mutter – deren verdammtes Handy ja hier betroffen war – zu besprechen.

Da aber nun geklärt war, dass sowohl das Gerät als auch der Vertrag – wenn auch zu noch unbekannten, vielleicht horrenden Kosten – ein Nutzen des mobiles Datentransfers erlaubten, gestattete ich mir den Einwurf, dass ein solcher ja zustande zu bekommen sein müsse – welche Konsequenzen er auch immer nach sich ziehen sollte. Ein leichtes Kopfnicken hinter dem Tresen lies mich vermuten, dass ich mich mit dieser Vermutung nicht völlig auf dem Holzweg befand. Nach kurzem Zögern überraschte mich die von der Gegenseite eingebrachte Frage, ob ich denn ein Profil gebildet hätte. Ich bin mir sicher, dass diverse Firmen das über mich bereits getan haben und kann mich erinnern, dass Twitter, Google und Co. durchaus in der Öffentlichkeit kritisiert werden, eben weil sie Profile bilden, aber mir war instinktiv klar, dass hier etwas anderes gefragt war. »Was für ein Profil meinen Sie?«, fragte ich darum. »Na, Sie müssen ein Profil anlegen. Für das Internet«, antwortete der Verständnis-Vermittler. Ich gab mich noch nicht zufrieden: »Was ist ein Profil?« Und erfuhr: »Das ist wichtig!«. Schmerzhaft wurde mir klar, dass die sonst so präzise Sprache Schillers und Goethes bei den Interrogativpronomen des Nominativ zu viel Spielraum für Interpretationen lässt. »Wozu brauche ich das?«, setze ich nach und erhielt die so zutreffende wie sinnentleerte Antwort »Für die Internetverbindung.« Ich erinnerte mich daran, erst vor kurzem einen Gruppenserver aufgesetzt und ihn als Gateway für eine Reihe anderer Rechner konfiguriert und dabei ständig händisch an der IPConfig geschrieben zu haben, aber an die Notwendigkeit von »Profilen« für »das Internet« konnte ich mich nicht erinnern. Vor meinem geistigen Auge tanzten das 1000-Seiten-Konvolut »Programmieren von UNIX-Netzwerken« und meine Elektronik-Skripte Ringelreigen und zitierten wild aus der SS7-Definition.

Ich wollte mich noch nicht geschlagen geben: »Was tun Sie da jetzt?«, fragte ich den Erklärungs-Experten, der sich gerade des Telephons bemächtigt hatte und auf dem Touchscreen herumtatschte, dass es seine Freude hatte. »Ich mache Ihnen Internet«, messiate er zurück. Gebannt folgte ich der Szene, in der dem armen Gerät diverse Einstellungen in schneller Folge aufgezwungen wurden. Das Schauspiel dauerte nur eine kurze Weile, aber es lies mich sprachlos zurück. Ich wusste weder, was der Android-Apologet hier kreiert hatte, noch, wozu das notwendig war, aber ich war mir meiner Rolle als Staubkorn, geworfen in die unermessliche Weite des Weltalls, plötzlich wieder sehr bewusst. Ob Novalis auch im Angesicht der Konfigurationsanweisung eines Smartphones sich noch zu der kühnen Aussage hinreißen ließe, nichts sei dem Geist erreichbarer als das Unendliche? Mir jedenfalls graute schon jetzt vor dem unausweichlichen Moment, wenn an dem »Profil« etwas der Änderung harrt. Endlich war die Konfiguration getätigt.

»So, und jetzt bekommen Sie die CP-Nachricht noch zugesandt«, wurde mir beschieden. Ich nahm es hin, nicht ahnend, was damit gemeint sein könnte. Da war es wieder, dieses sakrale Gefühl des Einfach-Nur-Glaubens und Bloß-Nicht-Hinterfragens, das auch Jahre auf einem streng säkularen Gymnasium nicht ganz austreiben können. Ich nickte zustimmend und erhielt zum Dank und Abschied die aufbauenden Worte: »Da müssen Sie nur den Anweisungen folgen, das geht dann quasi von allein.« Amen.

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